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Experten-Interview September 2011



Der Aktionsplan soll vor allem ein Umdenken in Gang bringen

 

Dr. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, hat die gehörlosen Teilnehmer auf einer Pressekonferenz mit ihrer gebärdensprachlichen Begrüßung überrascht. Wie es dazu kam und was der nationale Aktionsplan für Gehörlose beinhaltet, fragte ich die Ministerin.

 

Judit Nothdurft: Frau Ministerin, Sie haben sich bei der Pressekonferenz am 15.06.11 sehr viel Mühe gegeben und die ersten Sätze perfekt gebärdet. Haben Sie schon vorher mit der Gebärdensprache zu tun gehabt oder war es ihr Debüt? Haben Sie lange geübt?

Dr. Ursula von der Leyen: Das war ein Sprung ins kalte Wasser, wenn auch mit Vorbereitung. Und ohne die tolle Gebärdendolmetscherin hätte das auch sicher nicht so gut geklappt. Sie hat mir eine Woche vorher das erste Mal das gezeigt, was ich gebärden wollte. Und dann habe ich fleißig geübt.

 

Sie haben den Startschuss zur Umsetzung des Aktionsplans gegeben. Dieser Plan ist aber nur eine Empfehlung und keine Absichtserklärung. Ich habe selbst z.B. von Hotelbetreibern gehört, dass solange es nicht gesetzlich vorgeschrieben wird, werden Sie für Hörgeschädigte keine zusätzlichen Geräte (Wecker, Feuermelder mit Blitzlicht) anschaffen. Besteht hier nicht die Gefahr, dass von diesem Plan vieles weiterhin nicht umgesetzt wird?

Der Aktionsplan soll vor allem ein Umdenken in Gang bringen. Das geht nicht von heute auf morgen und eine große Idee wie Inklusion kann man auch nicht per Gesetz verordnen. Die Gesellschaft muss mitziehen. Öffentlicher Druck hilft dabei, dass auch Verbände, Institutionen und Unternehmen erst nachdenken und dann auch konkrete Initiativen ergreifen. Auch der Hotel- und Gaststättenbereich ist gefragt.

 

Der Aktionsplan beinhaltet 214 Maßnahmenpunkte. Welche davon bringen konkret für die Hörgeschädigten / Gehörlosen Erleichterungen?

Wir haben im Aktionsplan bewusst nicht nach Behinderungen unterschieden. Es geht um Inklusion insgesamt. Maßnahmen, die sich auf hörgeschädigte und gehörlose Menschen richten, sind zum Beispiel neue Regeln für bessere Gebärdensprachangebote im Internet des Bundes; die Förderung von Kompetenzzentren für Gehörlose im Alter; mehr untertitelte Sendungen im Fernsehen. Dazu gehört aber auch die Unterstützung des Deutschen Gehörlosenverbandes bei der Ausrichtung des Weltkongresses 2015; die Begleitung und Förderung der Avatarforschung mit einer Studie dazu, wie wir die automatische Schriftsprache in Gebärden übersetzen können. Sie sehen, da ist ein ganzes Bündel dabei.

 

Der Besuch von weiterführenden Schulen, Universitäten oder die Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen scheitert oft für Gehörlose. Die Gründe, dass nicht genügend Dolmetscher vorhanden sind und/oder niemand diese Kosten übernehmen will. Ist dies auch ein Thema für den Aktionsplan und welche bürokratischen Vereinfachungen sind vorgesehen?

Leitbild des Artikels 24 der UN-Konvention ist das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen. Das bedeutet letztendlich deutlich weniger Förderschulen. Es bedeutet aber besonders, dass Schulen und Hochschulen barrierefrei sind und besonders geschulte Lehrkräfte, Betreuer und geeignete Lernmaterialien haben. Bereits jetzt können junge Menschen mit Behinderungen über die Eingliederungshilfe beim Besuch einer Schule oder Hochschule unterstützt werden. Zum Beispiel durch Schulhelfer, Gebärdensprachdolmetscher oder technische Hilfen. Ziel muss es sein, Menschen mit Behinderungen eine umfassende Schul- und Hochschulbildung zu ermöglichen. Das ist eine Verpflichtung, die wir mit den Ländern und den Schulen und Hochschulen selber teilen. Dazu werden wir für 2013 zu einer Bildungskonferenz einladen.

 

Hörgeschädigte und gehörlose Menschen finden nach wie vor viel zu wenig Fernsehsendungen, die untertitelt sind, Ein Kinobesuch ist absolut nicht möglich, da die Filme nicht mit UT gezeigt werden. Wann sind wir in Deutschland Ihrer Meinung nach so weit, dass hörende und gehörlose Menschen miteinander ohne Barrieren fernsehen oder ins Kino gehen können?

Viele Sendungen werden schon mit Videotext untertitelt. Und immer öfter kann man inzwischen auch ein Videostream mit Gebärdensprachdolmetschung abrufen. Aber wirklich barrierefrei sind wir da natürlich noch nicht. Deshalb werden Filme mit ausführlicher Untertitelung besonders gefördert. Genauso wie der barrierefreie Umbau von Kinos für Rollstuhlfahrer oder der Einbau von Induktionsschleifen für hörbehinderte Menschen. Das alles reicht aber nicht. Alle Beteiligten – auch hier sind die Länder stark mit in der Pflicht – müssen mehr machen.

 

Für eine erfolgreiche Inklusion wäre es notwendig, dass Hörgeschädigte / Gehörlose zeitnah mehr über das politische Geschehen informiert werden (d.h. mehr Informationen in Gebärdensprache erhalten). Werden also Gehörlose in Zukunft wichtige Pressekonferenzen von Ihnen und Ihren Kollegen mit Unterstützung von Dolmetschern verfolgen können?

Nach der guten Erfahrung mit dem Auftakt zum Nationalen Aktionsplan möchte ich künftig häufiger Gebärdendolmetscher einsetzen. Das klappt sicher nicht bei jeder Pressekonferenz in der es um Details des Arbeitsmarktes geht, aber gern bei den großen sozialpolitischen Themen, die viele Menschen berühren.

 

Es hat mich sehr gefreut, dass Sie sich bei Ihrem vollen Terminkalender für das Interview Zeit genommen haben. Vielen Dank!

 

 

Text: Judit Nothdurft

Foto: Presse / Bundesministerium für Arbeit und Soziales

 

 

 
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