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Experten-Interview November 2012



Taube Gebärdensprachdolmetscher kennen die Bedürfnisse tauber Menschen aus erster Hand

 

Auf den Kulturtagen in Erfurt waren nicht nur hörende, sondern auch taube Gebärdensprachdolmetscher im Einsatz. Knut Weinmeister war einer von ihnen und übersetzte sogar am Galaabend.

 

Judit Nothdurft: Herr Weinmeister, was war für Sie an diesen Tagen am schwersten zu übersetzen?

Knut Weinmeister: Die Podiumsdiskussion „Eine Kultur mehr: Gebärdensprache“ mit diversen internationalen Gästen, die schnell aus der Deutschen Gebärdensprache (DGS) in International Sign und umgekehrt gedolmetscht werden musste. Hier war der schnelle Wechsel zwischen den beiden Dolmetsch-Richtungen besonders anspruchsvoll. Eine zusätzliche Herausforderung war es, wenn Teilnehmer während der Diskussion die Sprache gewechselt haben.

 

Warum ist es wichtig, dass neben hörenden auch taube Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt werden?

Taube Gebärdensprachdolmetscher sind von klein auf mit der Gebärdensprache und der Kultur der tauben Menschen vertraut. Sie kennen ihre Bedürfnisse aus erster Hand und deshalb können sie sich als Dolmetscher besonders gut an die Anforderungen der tauben Kunden anpassen. Zu diesen zählen unter anderem auch Menschen mit Lernschwierigkeiten (z.B. Bewohner von Einrichtungen der Lebenshilfe).

Taube Gebärdensprachdolmetscher können je nach Bedarf mit International Sign, Fremdgebärdensprachen (z.B. ASL, BSL usw.) oder Schriftsprachen als Arbeitssprachen eingesetzt werden.

 

Wie läuft das Dolmetschen praktisch ab?

Der genaue Ablauf und wie viele taube Gebärdensprachdolmetscher benötigt werden, hängt von der jeweiligen Situation ab (Länge und der Art der Veranstaltung usw.)

Anbei zwei Beispiele aus dem Bereich Vortragsdolmetschen:

 

1. Situation – hörender Referent

HGSD: hörender Gebärdensprachdolmetscher,
TGSD: tauber Gebärdensprachdolmetscher

 

In dieser Situation hält ein hörender Referent einen Vortrag in deutscher Lautsprache. Auf der Bühne neben ihm steht ein hörender Gebärdensprachdolmetscher, der den Vortrag in die DGS dolmetscht. Gegenüber der Bühne sitzt ein tauber Gebärdensprachdolmetscher (der „Feeder“) und kopiert die DGS-Verdolmetschung oder dolmetscht in International Sign. Ein zweiter tauber Gebärdensprachdolmetscher steht auf der Bühne neben dem hörenden Gebärdensprachdolmetscher und verwendet die Gebärden des Feeders als Basis für eine Verdolmetschung aus der DGS in International Sign (IS) oder kopiert die IS-Verdolmetschung.

 

2. Situation – tauber Referent

HGSD: hörender Gebärdensprachdolmetscher,
TGSD: tauber Gebärdensprachdolmetscher

 

Hier hält ein tauber Referent einen Vortrag in DGS. Gegenüber der Bühne sitzen ein hörender Gebärdensprachdolmetscher und ein tauber Gebärdensprachdolmetscher (der „Feeder“). Der hörende Gebärdensprachdolmetscher dolmetscht den Vortrag in die deutsche Lautsprache. Gleichzeitig kopiert der taube Gebärdensprachdolmetscher den Vortrag in DGS oder dolmetscht ihn in International Sign (IS). Ein zweiter tauber Gebärdensprachdolmetscher steht auf der Bühne neben dem Referenten und verwendet die Gebärden des Feeders als Basis für eine Verdolmetschung aus der DGS in IS oder kopiert die IS-Verdolmetschung.

 

Sie waren unter den ersten Absolventen, die 2011 das Studium „Tauber Gebärdensprachdolmetscher“ an der Universität Hamburg absolviert haben. Welche Kriterien mussten Sie erfüllen, um zu studieren zu können? Muss man z.B. Abitur haben?

Nein, man muss kein Abitur haben. Allerdings muss man die Aufnahmeprüfung bestehen und zwei Sprachen gut beherrschen, z.B. DGS und die deutsche Schriftsprache, DGS und International Sign oder DGS und eine Fremdgebärdensprache wie die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) oder die Türkische Gebärdensprache (TID).

 

Das Studium dauerte eineinhalb Jahre. Was waren die Studieninhalte? Lernten Sie auch verschiedene Dolmetschtechniken?

Ja, wir haben unter anderem die Techniken für das Simultandolmetschen (=sofort dolmetschen) erlernt. Bei dieser Dolmetschart spielt der Zeitfaktor eine wichtige Rolle, da zwischen der Äußerung in der Ausgangssprache und der Verdolmetschung in die Zielsprache nur einige Sekunden vergehen sollen. Im Modul „Simultandolmetschen“ haben wir Verdolmetschungen angefertigt und anschließend nach verschiedenen Übersetzungskriterien analysiert. Wir haben auch mehrere Module aus dem Themenbereich Gebärdensprachdolmetschen absolviert, wie Gedächtnistraining, Translationswissenschaft, „Vom-Blatt-Übersetzen", Linguistik und Berufsethik.

 

Wer trug die Kosten des Studiums?

Die Kosten des Studiums können abhängig von der persönlichen Situation durch das Integrationsamt bzw. von der Arbeitsagentur übernommen werden, oder sie werden privat getragen.

 

Welchen Abschluss erhielten die Teilnehmer?

Die Teilnehmer, die regelmäßig an allen Modulen teilgenommen und alle erforderlichen Leistungen erbracht hatten, haben ein Zertifikat der Universität Hamburg erhalten. Im Anschluss an die Zertifizierung konnte man die staatliche Prüfung zum Gebärdensprachdolmetscher am Amt für Lehrerbildung in Darmstadt ablegen. Diese ist für die Ausübung des Berufs erforderlich.

 

Kann man nach dem Abschluss gleich mit der Dolmetschertätigkeit loslegen oder sind noch weitere Prüfungen notwendig?

Als staatlich geprüfter Gebärdensprachdolmetscher kann man prinzipiell in allen Fachgebieten arbeiten, in denen man sich genügend auskennt, um kompetent dolmetschen zu können. Dafür sind keine weiteren Prüfungen notwendig.

Für das Dolmetschen bei Gericht ist jedoch eine spezielle Weiterbildung zu empfehlen. Hierzu bietet die Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Hamburg die Weiterbildung „Dolmetschen und Übersetzen an Gerichten und Behörden“ an.

 

Welche ethischen Grundlagen gibt es für die tauben Gebärdensprachdolmetscher?

Für uns gelten die gleichen ethischen Grundlagen wie für die hörenden Gebärdensprachdolmetscher. Wir müssen auch die Berufs- und Ehrenordnung (BEO) befolgen, wie z.B: die Pflicht zur Verschwiegenheit. Ebenso müssen wir vor der Annahme eines Auftrags sicherstellen, dass wir durch die Auftragsannahme nicht in eine Interessenkollision geraten.

 

Eine besondere Herausforderung für taube Gebärdensprachdolmetscher besteht darin, dass sie nicht nur dolmetschen, sondern in anderen Situationen selbst auch Dolmetschdienstleistungen in Anspruch nehmen. Es ist sehr wichtig, diese beiden Rollen (die des Dolmetschers und die des Konsumenten) voneinander zu trennen. Wir taube Gebärdensprachdolmetscher sind, ähnlich wie CODA-s, auf eine spezielle Weise eng mit der Gemeinschaft der tauben Menschen verbunden.

 

Eine Spezialität von tauben Gebärdensprachdolmetschern ist, dass sie auch Schriftsprache übersetzen….

Für Übersetzungen aus der Schriftsprache kommen unterschiedliche Texte und Arbeitsbereiche in Betracht. Das klassische „Vom-Blatt-Übersetzen“, wie es auch von hörenden Dolmetschern praktiziert wird, findet meist vor Ort statt, z.B. bei Gericht, bei der Polizei oder beim Arzt. Es werden dort schriftliche Dokumente wie Haftbefehle, Aufklärungsbögen usw. übersetzt.

Davon abgesehen gibt es aber noch viele andere Bereiche, in denen Schriftsprache in Gebärdensprache übersetzt wird. Dies muss nicht zwangsläufig vor Ort geschehen. Die Übersetzungen können auch als Gebärdensprach-Filme aufgezeichnet und anschließend z.B. als DVD oder im Internet veröffentlicht werden. Ein Beispiel hierfür sind die Übersetzungen der Websites von Bundesbehörden, die bestimmte Inhalte ihres Internetauftritts in Gebärdensprache anbieten. Aber auch Kinderbücher, Broschüren oder Audiotexte im Museumsbereich können übersetzt werden.

 

Wo kann man einen tauben Gebärdensprachdolmetscher bestellen und welche Kosten muss man für den Einsatz kalkulieren?

Taube Gebärdensprachdolmetscher kann man über die regionalen Berufsverbände der Gebärdensprachdolmetscher oder z.B. über die Firma Signissimo (www.signissimo.de) bestellen. Für die Zukunft ist auch geplant, eine entsprechende Funktion auf der Homepage des Forums der tauben Gebärdensprachdolmetscher unter www.tgsd.de einzurichten. Es fallen die gleichen Kosten an wie für hörende Gebärdensprachdolmetscher, also Fahrtkosten, Kosten für die Fahrtzeit und natürlich die Kosten für die eigentliche Dolmetschdienstleistung. Diese Honorare können sich regional unterscheiden und abhängig vom jeweiligen Kostenträger unterschiedlich ausfallen.

 

Zurzeit gibt es zwölf staatlich geprüfte taube Gebärdensprachdolmetscher in Deutschland. Welche Sprachen sprechen sie?

Die tauben Gebärdensprachdolmetscher arbeiten mit der Sprachkombination DGS–deutsche Schriftsprache, DGS–International Sign oder DGS–Fremdgebärdensprache, z.B. Amerikanische Gebärdensprache (ASL), Australische Gebärdensprache (AUSLAN), Polnische Gebärdensprache (PJM) oder Türkische Gebärdensprache (TID). Neben den zwölf staatlich geprüften tauben Gebärdensprachdolmetschern gibt es auch einen tauben Gebärdensprachdolmetscher mit einem Fachhochschulabschluss.

 

Der Beruf „tauber Gebärdensprachdolmetscher“ ist ein völlig neues Berufsbild. Gibt es eigentlich Probleme bei der Finanzierung, wenn z.B. ein tauber Emigrant bei Behörden, bei Gericht oder beim Arbeitsamt zwei Dolmetscher benötigt, einen hörenden und einen tauben?

Es gibt noch zu wenig Erfahrungswerte, um wirklich von einem Problem zu sprechen. Zunächst müssen die tauben Klienten und der Kostenträger darüber informiert werden, dass überhaupt ein solches Angebot besteht. In hochsensiblen Situationen wie bei Gericht, bei der Polizei oder im Krankenhaus besteht eine große Chance, dass die Kosten übernommen werden. Die Öffentlichkeitsarbeit spielt hier eine sehr wichtige Rolle! Wir müssen auf die bestehenden Barrieren aufmerksam machen, um das Bewusstsein der Öffentlichkeit hinsichtlich unserer Arbeit als taube Gebärdensprachdolmetscher zu schärfen.

 

Ist es geplant, weitere Taube als Dolmetscher in Hamburg auszubilden?

Ja, momentan findet der zweite Durchgang der Ausbildung statt. Die zweite Gruppe besteht aus insgesamt 17 angehenden tauben Gebärdensprachdolmetschern. Erwähnenswert ist auch, dass in diesem Durchgang auch zwei neue Module enthalten sind, ein Einführungsmodul mit allgemeinen Informationen zur Ausbildung und ein Modul zum Teamdolmetschen.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Text: Judit Nothdurft

Bild: Knut Weinmeister

 

 
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