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Experten-Interview April 2016



4 Pfoten für Sie" – jetzt auch für gehörlose Demenzkranke

 

Für gehörlose Senioren mit Demenz gibt es in Deutschland kaum passende Angebote. Das soll sich jetzt ändern, Änne Türke hat das außergewöhnliche Projekt "4 Pfoten für Sie" ins Leben gerufen.

 

Frau Türke, was sollen wir uns unter diesem Projekt vorstellen? Was genau bieten Sie an?

Änne Türke: Den Hunde-Besuchsdienst für Menschen mit Demenz „4 Pfoten für Sie“ bieten wir in Köln und Umgebung bereits seit 2009 an. Für diesen Dienst gewinnen wir Menschen und ihre Hunde, die in ihrer freien Zeit Demenzkranken stundenweise besuchen. Auf diese Aufgabe werden Mensch und Hund von uns gut vorbereitet.

 

Es ist richtig, dass es für gehörlose Menschen mit Demenz kaum Angebote zur Beschäftigung und Aktivierung gibt. Sie benötigen Angebote, die ihre visuellen und nonverbalen (Kommunikation ohne Worte) Kompetenzen stärken und direkt Gefühle und Erinnerungen ansprechen. Tiere bewirken diese Dinge und somit sind tiergestützte Angebote für gehörlose Menschen mit Demenz besonders gut geeignet.

 

Im Rahmen eines dreijährigen Kooperationsprojektes mit der Universität zu Köln, passen wir derzeit das Konzept des Hunde-Besuchsdienstes auf die kulturellen und sprachlichen Bedürfnisse gehörloser Menschen an. Wir gewinnen gehörlose Menschen mit eigenem Hund, die sich als Besucher engagieren möchten und bereiten sie auf diese Aufgabe vor.

 

Wie lang geht der Unterricht und was lernt man hier genau? Wird in Gebärdensprache unterrichtet?

Der Kurs umfasst 48 Stunden und wird an vier Wochenenden durchgeführt. Zwei Tage davon sind Praxistage mit dem Hund, wo verschiedene Besuchsdienstsituationen in Rollenspielen geübt werden. Es gibt ein Hilfsmitteltraining und praktische Übungen zur Vorbereitung auf den Hundeführerschein, der nach der Schulung zu absolvieren ist.

Die anderen Schulungsinhalte vermitteln vor allem dem/der Hundehalter/in Grundlagenwissen zum Krankheitsbild, zur Kommunikation und zum Umgang mit Menschen mit Demenz, zur Tiergesundheit, zur Körpersprache der Hunde usw. Ergänzt haben wir den Schulungskurs um die Inhalte „Gehörlosigkeit und Alter“ und „Gehörlosigkeit und Demenz“.

 

Da hörende und gehörlose Hundehalter/innen gemeinsam an dem Kurs teilnehmen, lernen alle voneinander. Vor allem die Hörenden werden für das Thema Gehörlosigkeit  sensibilisiert. Alle Schulungsmodule werden von Gebärdensprachdolmetschern/innen begleitet.

 

Ab wann können die Hundebesitzer Ihre Besuche bei gehörlosen Demenzkranken starten?

Nach dem Schulungskurs absolvieren Mensch und Hund noch einen Hundeführerschein (schriftliche und praktische Prüfung) und stehen dann für die Vermittlung im Besuchsdienst zur Verfügung.

 

Wie Sind Ihre Erfahrungen, wer braucht mehr Unterricht der Hund oder der Hundebesitzer?

Ganz klar der/die Hundehalter/in! Hunde gehen mit uns Menschen spontan in den Kontakt. Sie suchen unsere Nähe und kommunizieren mit uns auf Hundeart. Sie gehen natürlich genauso vorbehaltlos auf Menschen mit Demenz zu, das macht für sie keinen Unterschied. Der Mensch hat aber häufig Vorurteile und bewertet Situationen. Er benötigt Informationen und Fähigkeiten, die ihm Sicherheit im Umgang mit Menschen mit Demenz geben. Das trifft meistens auf den ersten Kontakt mit diesen Personen zu. Lernen sich alle miteinander kennen und erfolgen die Besuche regelmäßig, baut sich zwischen den beiden Menschen eine gute Beziehung auf, die auch dem Besucher sehr viel zurückgibt.

 

Wie lang ist so ein Besuch und was wird dort gemacht?

In der Regel werden die Besuche einmal wöchentlich für 1-2 Stunden durchgeführt. Die Aktivitäten orientieren sich an den Bedürfnissen und Ressourcen (Mitteln) der Besuchten und auch des Hundes. So werden oft gemeinsame Spaziergänge angefragt, aber auch in der Wohnung gibt es viele gemeinsame Beschäftigungsmöglichkeiten, wie Such- und Bringspiele, Fellpflege, Füttern, Streicheln usw.

Und wenn der Hund unter dem Couchtisch einschläft, ist das genauso gut. Umso mehr ist dann der Mensch gefragt, die gemeinsame Zeit zu gestalten.

 

Eignet sich jeder Hund und Hundebesitzer als „Besucher“? Gibt es vorher einen Aufnahmetest?

Da nicht jeder Mensch und jeder Hund für den Besuchsdienst geeignet ist, gibt es im Vorfeld immer einen Eignungstest. Wichtig ist für uns natürlich der menschenbezogene Charakter des Hundes, die Motivation des Menschen und wie beide als Team miteinander funktionieren. Orientiert sich der Hund an seinem Menschen? Kann der Mensch seinen Hund gut einschätzen? Ist ein alltagstauglicher Grundgehorsam vorhanden? Diese Dinge werden von uns in Übungen eingeschätzt.

 

Kann man diesen Dienst auch anbieten, wenn der Demenzkranke im Rollstuhl sitzt? Wie klappt es dann mit einem Hund an der Leine?

Der Rollstuhl stellt in der Regel kein Problem dar. Mensch und Hund konnten sich bereits mit diesem Fortbewegungsmittel vertraut machen und in Rollenspielen sowohl den Umgang, als auch das Führen an der Leine mit dem Rollstuhl üben.

 

Woher die Idee, dass ausgerechnet ein Hunde-Besuchsdienst für Demenzkranke hilfreich sein kann?

Womit Menschen sich manchmal schwertun, gelingt Hunden meist auf Anhieb: Sie gehen unbefangen auf Menschen mit Demenz zu.

Kommunikation läuft in unserer Gesellschaft in erster Linie über die Sprache. Doch Menschen mit Demenz fällt die verbale Verständigung häufig schwer. Die Betroffenen müssen oft lange nach Worten suchen und haben Auffassungsdefizite. Die nonverbale (Kommunikation ohne Worte) Ausdrucksweise von Tieren kommt der eher emotional geprägten Kommunikation von Menschen mit Demenz sehr entgegen.

Vor allem Hunde reagieren auf unsere Ansprache, Mimik und Gestik. Sie lassen sich gerne streicheln und vermitteln in ihrer ganzen Art ein bedingungsloses und unangestrengtes Gefühl von Nähe.

Menschen und Tiere leben oft zusammen, doch mit einer Demenzerkrankung können sich die Betroffenen nicht mehr angemessen um ein eigenes Haustier kümmern. So bringt „4 Pfoten für Sie“ Menschen mit Demenz und Hunde zusammen. Bei uns dreht sich alles um Normalität, denn die fehlt im Alltag von Menschenmit Demenz oft. Das Projekt setzt auf die natürliche Wirkung von Nähe ohne Scheu und vermittelt Mensch-Hund-Besuchsteams. Sie besuchen regelmäßig Betroffene und wollen ihnen wieder etwas Lebensfreude und Lebensqualität zurückgeben.

 

Für hörende Demenzkranke gibt es schon länger den Hunde-Besuchsdienst "4 Pfoten für Sie“. Welche Erfolge hat man hier verzeichnet?

Ein Erfolg ist sicher schon mal, dass wir seit 2009 bereits ca. 150 Hundehalter für den Besuchsdienst in Köln und im Rhein-Erft-Kreis ausgebildet haben! Nur wenn sich so viele Menschen sozial engagieren und ihre Zeit für die Betreuung von Demenzkranken zur Verfügung stellen, können wir das Angebot auch anbieten.

 

Bei Menschen mit Demenz selbst wirken die Besuche dann auf mehreren Ebenen. Für diese Menschen sind die Hunde wie ‚Türöffner‘. Dem emotionalen Bedürfnis, im Kontakt mit Tieren zu sein, wird entsprochen. Die fröhliche und ausgeglichene Art der Vierbeiner kann eine lang ersehnte Beruhigung vermitteln oder einen fast abhandengekommenen Sinn für Aktivität wiederbeleben. Manchmal weckt die einfache und intensive Beziehung zu „ihrem“ Hund sogar Erinnerungen in den Betroffenen. Sie werden vor allem auf der sozialen Ebene angesprochen.

Der Mensch am Ende der Leine ist neben seinem Hund ein ganz wichtiger regelmäßiger Besucher, der Zeit und Geduld schenkt und zu gemeinsamen Aktivitäten einläd.

 

Gerade wurden im ersten Kurs gehörlose Besucher ausgebildet. Sind die Teilnehmer schon bei gehörlosen Demenzkranken gewesen?

Nein, die ersten beiden gehörlosen Besucher in unserem Dienst warten noch auf ihren ersten Besuch. Sie haben gerade den Hundeführerschein absolviert und sind gut gerüstet für ihre Aufgabe. Die ersten Anfragen von gehörlosen Menschen mit Demenz liegen uns bereits vor. Es wird also nicht mehr lange dauern, bis beide ihr Gelerntes in die Tat umsetzen können.

 

Wer vermittelt die gehörlosen Besucher für gehörlose Demenzkranke und was kostet dieser Besucherdienst?

Die fachliche Vermittlung erfolgt durch unsere Besuchsdienstkoordinatorin (Dipl. Sozialpädagogin), die von einem/r Gebärdensprachdolmetscher/in begleitet wird. Im  Erstgespräch sammelt sie Daten und Informationen, um einen Eindruck von der Person und der Besuchsdienstsituation zu bekommen. Dann wählt sie ein passendes Besuchsteam (Mensch und Hund) aus und begleitet diese ebenfalls bei ihrem ersten Besuch.

Ganz wichtig bei der Vermittlung der Besuchshunde: Die Chemie muss stimmen! Wir legen großen Wert darauf, dass das ehrenamtliche Besuchsteam mit dem Demenzkranken und seiner Familie harmoniert und sich Mensch und Hund miteinander wohlfühlen.

 

Sind noch weitere Kurse auch für gehörlose Teilnehmer geplant?

In diesem Jahr wird es einen weiteren Kurs auch für gehörlose Teilnehmer/innen geben. Die Eignungstests dazu finden im Juli statt. Der Kurs beginnt Ende August und endet Ende November, umfasst 48 Stunden (4 Wochenenden).

Für gehörlose Teilnehmer/innen ist der Kurs kostenlos.

 

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

 

Text: Judit Nothdurft

Foto: Änne Türke

 

 

Anfragen zum Kurs: an Änne Türke, Alexianer Köln GmbH

Mail: a.tuerke@alexianer.de Web: www.4-pfoten-fuer-sie.de

 
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