preload preload preload
Seit 2010 für
Inklusion und Barrierefreiheit
logobanner
JNC Deafservice

  Experteninterviews
  2019
  2018
  2017
  2016
  2015
  2014
  2013
  2012
  2011
  2010

 

 

Experten-Interview Dezember 2017



Lebensgeschichten von Gehörlosen - ein Teil unserer Gesellschaft

 

Im Rahmen des Projekts "The Sign Hub“ werden Lebensgeschichten von Gehörlosen aus ganz Deutschland erfasst. Über dieses außergewöhnliche Projekt habe ich Dr. Jana Hosemann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Göttingen, interviewt.

 

Frau Dr. Hosemann, wie ist dieses Projekt entstanden und mit welchem Ziel?

Dr. Hosemann: Die Idee zu dem Projekt, die Lebensgeschichten von gehörlosen Senioren aufzunehmen und zu archivieren, kam von Prof. Markus Steinbach (Uni Göttingen) und Prof. Annika Herrmann (Uni Hamburg). Die Geschichte der Gehörlosen in Deutschland ist bislang nur sehr wenig dokumentiert. Das liegt vor allem daran, dass es früher viel schwieriger war als heute, Videos aufzunehmen. Aber jetzt gibt es das Lebensgeschichten Projekt in Kooperation mit dem EU-Projekt „The Sign-Hub“ und mit dem Pro*Niedersachen Projekt „(Un)sichtbare Lebensgeschichten“.

Das Ziel dieses Projektes ist es, die Lebenserfahrungen von Gehörlosen, die in den 30iger und 40iger Jahren aufgewachsen sind, vor allem zu dokumentieren und zu archivieren. Dann sind die Geschichten erhalten und können für die zukünftigen Generationen ausgewertet werden.

 

Sie und ihr Team führen Interviews mit gehörlosen Senioren ab 70 Jahren. Wie viele Personen haben Sie bis jetzt gesprochen?

Die Interviews werden von Dr. Jens-Michael Cramer durchgeführt, der selbst gehörlos ist und bei gehörlosen Eltern aufgewachsen ist. Für die Interviews fährt er durch ganz Deutschland, hält Vorträge bei Seniorentreffs in Gehörlosenvereinen und stellt dort das Projekt vor. Die Personen, die Interesse haben bei dem Projekt mitzuwirken, melden sich dann bei ihm und es wird ein Termin verabredet.

Die Interviews können entweder zu Hause bei den Senioren stattfinden, oder in Räumen des Gehörlosenvereins, oder auch an einem anderen Ort, an dem sich die Person wohl fühlt. Die Interviews finden also immer an angenehmen Orten statt, die für den oder die SeniorIn am Besten sind. Es gibt auch keine festgelegte Zeit. Ein Interview dauert genauso lange, wie es für die Person angenehm ist. Normalerweise sind das so ungefähr 45 Minuten.

An dem Projekt können alle gehörlosen Senioren teilnehmen, die 70 Jahre oder älter sind. Ansonsten gibt es keine weiteren Voraussetzungen.

 

Zu welchen Themen werden die Interviewfragen gestellt?

Das Projekt zu den Lebensgeschichten findet ja nicht nur in Deutschland statt, sondern auch in anderen Ländern der EU, wie zum Beispiel Spanien, Italien oder den Niederlanden. Das heißt, die Grundfragen in dem Interview sind für alle Länder die gleichen: Fragen zur Schulzeit, ob dort gebärdet wurde, oder wo man früher andere Gehörlose getroffen hat.

Aber es gibt natürlich auch Fragen, die ganz speziell für Deutschland sind. Diese Fragen werden dann nicht in Spanien oder Italien gefragt. Zum Beispiel interessiert uns natürlich, wie die Senioren das Kriegsende erlebt haben oder was ihre Erfahrungen im geteilten Deutschland waren. Das ist natürlich besonders wichtig für die Lebensgeschichten von Gehörlosen in Deutschland.

 

Wie ist die Bereitschaft von Gehörlosen frei über ihr Leben zu erzählen? Suchen Sie noch nach Gehörlosen, die Sie befragen möchten?

Ja, wir freuen uns auf jeden Fall, wenn noch weitere Personen in dem Projekt mitmachen möchten!

Das Interesse an dem Projekt ist allgemein sehr groß und alle Personen, mit denen wir sprechen, finden das ein wichtiges und gutes Projekt. Die Interviews werden ausschließlich von Jens durchgeführt und immer mit 2 Videokameras aufgenommen. Jeder, der teilnimmt, kann entscheiden wofür seine Videos verwendet werden dürfen und wofür nicht.

Manche Senioren möchten zum Beispiel nicht, dass ihre Lebensgeschichten öffentlich im Internet gezeigt werden. Dafür dürfen ihre Videos aber von Wissenschaftlern für die Auswertung angeschaut werden. Andere Senioren stimmen aber auch zu, dass ihre Videos sowohl für die Wissenschaft, als auch für die Öffentlichkeit im Internet gezeigt werden dürfen. Wir akzeptieren natürlich die privaten Entscheidungen von allen Senioren vollständig. Jede Person hat das Recht selbst zu entscheiden, was mit seinem oder ihrem Video passiert.

Auf jeden Fall freuen wir uns sehr, wenn es noch Personen gibt, die gerne mitmachen möchten. Das ist eine einmalige Chance, die Lebensgeschichten von gehörlosen Senioren zu dokumentieren.

Wenn man Interesse hat, kann man sich direkt bei Jens melden: jens-michael.cramer@phil.uni-goettingen.de oder per Fax: 0551-397546.

 

Im Rahmen der Interviews haben Sie bestimmt bewegende Lebensgeschichten von gehörlosen Senioren gehört

Na klar, es gibt natürlich viele bewegende Lebensgeschichten, vor allem die Erfahrungen in den Gehörlosenschulen damals und die Erfahrungen im Nationalsozialismus.

Mich persönlich hat sehr die Geschichte von einem Mann bewegt, der von seiner Schulzeit erzählt hat, in der die Lehrer alle nur Lautsprache gesprochen haben. Diese Erfahrung haben ja viele gemacht. Aber der Mann hat dann aus der Sicht von heute gesagt, dass Gehörlose in der Schule so sehr benachteiligt wurden, weil es eben keinen Unterricht in Gebärdensprache gab. Und wenn es Unterricht in Gebärdensprache geben würde, dann wären Gehörlose in Ihrer Schulbildung auch nicht mehr benachteiligt. Das sehe ich ganz genauso.

 

Gibt es große Unterschiede in den Lebenswegen von Gehörlosen in Ost- und Westdeutschland?

Bis jetzt arbeiten wir vor allem daran, die Interviews erstmal aufzunehmen und damit die Lebensgeschichten zu sammeln. Der nächste Schritt wird es dann sein, die Interviews auszuwerten. Und da gibt es natürlich sehr viele verschiedene Themen, nach denen man die Interviews auswerten kann.

Die unterschiedlichen Erfahrungen von Gehörlosen im Osten und Gehörlosen im Westen ist natürlich ein sehr wichtiges Thema. Aber bislang können wir dazu noch keine Ergebnisse nennen.

 

DGS ist die Muttersprache von Gehörlosen, mit diversen regionalen Dialekten. Erforschen Sie im Rahmen des Projektes auch die Gebärdensprache und die Entwicklung der Gehörlosenkultur?

Wenn wir die Interviews fertig gesammelt haben – das wird so im Sommer 2018 sein – dann können wir uns auf die Auswertung konzentrieren. Und natürlich sind die Lebensgeschichten von gehörlosen Senioren für ganz viele Bereiche interessant: Da gibt es die kulturelle Perspektive und die geschichtliche Perspektive, aber es gibt auch die soziale Perspektive und die sprachliche Perspektive.

Wir sind eine Forschergruppe von Sprachwissenschaftlern und natürlich interessiert uns sehr, wie sich die DGS entwickelt hat und welche Gebärden es früher gegeben hat. Aber wie gesagt, mit der Auswertung können wir erst später anfangen. Und die Auswertungen selbst werden dann auch einige Zeit dauern.

 

"The Sign Hub“ ist ein internationales Projekt. Wer sind die teilnehmenden Länder und wie wird es finanziert?

Das Projekt „The Sign-Hub“ wird von der EU finanziert. Wir haben Gelder bis Anfang 2020 bekommen, also noch etwas mehr als 2 Jahre. Es sind 7 Europäische Länder an dem Projekt beteiligt: Spanien, Italien, Frankreich, Israel, Türkei, Niederlande und Deutschland.

In jedem Land gibt es ein oder zwei Forschergruppen. Wir arbeiten aber nicht nur an der Dokumentation von Lebensgeschichten. Es gibt auch noch andere Projekte, die wir bei Sign-Hub verfolgen.

Zum Beispiel wollen wir einen Weltatlas erstellen, auf dem alle bekannten Gebärdensprachen der Welt gezeigt werden. Dieser Atlas soll im Internet für alle zugänglich sein und zeigt dann alle Gebärdensprachen der Welt und ihre besonderen Eigenschaften. Damit kann man dann zum Beispiel die DGS mit der Israelischen Gebärdensprache oder mit der Katalanischen Gebärdensprache vergleichen.

 

Warum ist dieses Projekt für die gehörlose Kultur wichtig?

Das Projekt der Lebensgeschichten ist für die Gehörlosenkultur sehr wichtig, weil es einen Teil unserer Gesellschaft sichtbar macht, der oft nicht gesehen wird. Die Erfahrungen von Gehörlosen in der Deutschen und der Europäischen Geschichte tauchen sonst nicht auf. Sie stehen in keinem Geschichtsbuch, es gibt keine Memoiren, es gibt keine Filme darüber. Dieser Teil der Gehörlosenkultur sollte gesehen werden. Man sollte aus den Erfahrungen lernen und Veränderungen im Jetzt schaffen.

Ein Traum wäre es zum Beispiel, wenn die Lebensgeschichten und die Erfahrungen, die Gehörlose früher gemacht haben, dazu führen würden, dass sich jetzt die Schulbildung viel stärker auf Gebärdensprache ausrichten würde.

 

Die Interviews werden von Ihrem Team an der Universität in Göttingen ausgewertet und dann…

Nachdem wir die Interviews aufgenommen haben, werden sie an der Universität Göttingen archiviert. Unser erstes Ziel ist es, dass die Videos untertitelt werden, damit auch Menschen, die keine Gebärdensprache können, diese verstehen. Aber die Interviews sollen nicht nur für unser Team zugänglich sein, sondern auch für andere Forscher zum Beispiel aus der Geschichte oder der Soziologie.

Im nächsten Jahr planen wir dann eine Wanderausstellung. Die Ausstellung soll 2019 in Göttingen starten und dann nach Hamburg, Berlin und in andere Städte gehen. Das heißt, hörende und gehörlose Besucher können sich den Stand unserer Forschung anschauen und etwas über die Lebensgeschichten von gehörlosen Senioren erfahren. Wir freuen uns damit die Gehörlosenkultur etwas sichtbarer machen zu können.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Text: Judit Nothdurft

Foto: Dr. Jana Hosemann

 
Anzeige
Ausstellung im Stadtmuseum Erlangen

Anzeige
Stiftung Anerkennung und Hilfe

Anzeige
Judit Nothdurft Consulting

Anzeige
Tess Relay Dienste

Anzeige
Telesign

Anzeige
MM Filmstudio

Anzeige
Humantechnik


 
Impressum etc.