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Experten-Interview September 2021



Deaf Success Project - tauben Menschen Selbstverwirklichung und Erfolgsdenken vermitteln

Seit über 30 Jahren wird am Institut für Deutsche Gebärdensprache (IDGS) in Hamburg die Gebärdensprache erforscht und unterrichtet. Ich habe mich mit dem ungarischen Vertretungsprofessor Dr. Szilárd Rácz-Engelhardt unterhalten.

 

Herr Professor, Sie vertreten seit April Prof. Dr. Annika Herrmann, die zurzeit in der Elternzeit ist. Als gebürtiger Ungar haben Sie in Budapest Linguistik studiert. Wie entstand Ihre Beziehung zum Institut in Hamburg?

Dr. Szilárd Rácz-Engelhardt: Meine Beziehung zum Institut besteht seit mehr als einem Jahrzehnt. Ich kam zuerst im Jahr 2009 für vier Wochen nach Hamburg, um hier Ideen für meine Doktorarbeit über die ungarische Gebärdensprache zu sammeln. Ich war viel in der Bibliothek und tauschte mich mit Professor Christian Rathmann aus, der damals das Institut geleitet hat. Mir hat das Umfeld sehr gefallen und ich fühlte mich sehr inspiriert, am IDGS länger zu arbeiten.

 

So kam es, dass ich 2010 für weitere Monate als Stipendiat zurückkehrte. Ich begann intensiv DGS zu lernen und besuchte Seminare. 2012 begann ich mit meiner Promotion. Es war für mich eine schöne Zeit am IDGS, die 2017 mit der Verteidigung meiner Doktorarbeit endete.

 

Aktuell bin ich am IDGS als Vertretungsprofessor in erster Linie in der Lehre tätig.

 

Als Hörender kennen Sie sowohl die Ungarische als auch die Deutsche Gebärdensprache. Woher kam Ihr Interesse für Gebärdensprache?

Das Interesse kam durch meine Mutter. Sie ist als Schwerhörige zwar in der hörenden Welt aufgewachsen, hatte jedoch immer den Wunsch, einmal auch die ungarische Gebärdensprache (Magyar Jelnyelv, kurz MJNY) zu erlernen. Später, als ich in Budapest und München Sprachwissenschaft studierte, vertiefte ich mich im Thema Mehrsprachigkeit. Parallel begann ich MJNY zu lernen.

 

Ich war sehr begeistert, als ich diese beiden Bereiche miteinander in Verbindung gesetzt habe. Ich wollte genauer verstehen, wie Mehrsprachigkeit bei Gehörlosen funktioniert. Die gleichzeitige Nutzung einer visuell-gestischen und einer auditiv-vokalen Sprache führt zu ganz besonderen Phänomenen, die wir bei Lautsprachen nicht beobachten können. Die ganze gesellschaftliche Situation der Gehörlosengemeinschaften als sprachlich-kulturelle Minderheiten hat mir Jahre lang die Möglichkeit gegeben, mehr über die Sprache und über die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft zu verstehen.

 

2010 als ich begann, in meinem Alltag intensiver DGS zu lernen, erlebte ich eine Umstellung. Ich durfte fast ein Jahr bei einer gehörlosen Gastfamilie verbringen und ich habe 16 Stunden pro Tag DGS benutzt - tagsüber an der Uni, dann noch zu Hause. Dies war eine sehr spannende Zeit für mich und ich bin all den Menschen dankbar, die mich damals am Institut und außerhalb unterstützt haben.

 

Als Linguist, wo sehen Sie die grundlegenden Unterschiede, zwischen der Deutschen und der Ungarischen Gebärdensprache?

Was ich dazu sagen kann, ist eigentlich in unserem Feld gut bekannt. In erster Linie sind es die einzelnen Gebärden, die einfach unterschiedlich sind, wie bei allen anderen Sprachen. DGS und MJNY entstanden in anderen Ecken der Welt. Es gibt aber auch kulturelle Überlappungen zwischen DGS im Süden, ÖGS und MJNY.

 

Ein gehörloser Bekannter von mir erzählte einmal, dass er öfters ganz alte ungarische Gebärden im Süden des deutschen Sprachraums wiederfindet. Andere haben gemeint, die MJNY und DGS gut kennen, dass die Mimik in DGS, zumindest heute, ausdrucksstärker ist. Ebenso sind Mundbilder in MJNY noch intensiver eingesetzt als in der DGS. Das letztere kann ich aus meiner wissenschaftlichen Forschung auf jeden Fall bestätigen.

 

Viele Gehörlosengemeinschaften kämpfen noch immer um die Anerkennung ihrer Sprachen. Sie haben über die Situation in Ungarn das Buch „Aspekte der Zweisprachigkeit bei Gehörlosenin deutscher Sprache geschrieben. Wie sehen Sie die derzeitige Rolle der Gebärdensprache im Bildungskontext in Ungarn und in Deutschland?

Ich habe mich mit diesem Thema vor über 10 Jahren intensiv beschäftigt und dazu auch mehrere Artikel auf Deutsch publiziert. Damals war die Anerkennung der ungarischen Gebärdensprache eine sehr große Sache. Es war eine starke Vision im Raum, nämlich, bilinguale Bildungsangebote für gehörlose Kinder zu etablieren.

 

Seitdem hat sich vieles verändert. Was ich aus der Ferne beobachte, ist dass die Umsetzung in Ungarn lange dauert und mit Schwierigkeiten verbunden ist. Es ist sicherlich weiterhin ein sehr wichtiges Ziel für die Gehörlosengemeinschaft in Ungarn, dass die MJNY in allen Facetten der Gesellschaft besser anerkannt und gesehen wird. Ich hoffe also, dass dieser Wunsch, MJNY im Bildungskontext systematisch einzuführen, früher oder später Realität wird.

 

Was ich in Deutschland mitbekommen habe, war, dass gewisse Prozesse hier schon länger am Laufen sind und DGS meines Wissens in der Praxis etablierter ist. Ich denke z. B. an den Berliner bilingualen Schulversuch oder die Elbschule in Hamburg.

 

Die Fachleute in Ungarn können aus den Erfahrungen anderer Länder wie Deutschland sicherlich viel lernen. Ich hoffe, dass in der Zukunft ein Austausch von Lehrkräften und auch von Entscheidungsträgern, die der Gebärdensprache positiv gegenüber eingestellt sind, noch intensiver stattfinden wird.

 

Wo liegt der Schwerpunkt momentan in Ihrer Tätigkeit am IDGS?

Aktuell konzentriere ich mich auf die Lehre. Meine Aufgabe ist die Leitung von Seminaren für Studierende im Studiengang Gebärdensprache und Gebärdensprachdolmetschen sowie die Betreuung von Studierenden in ihren Projekten, wie BA- oder MA-Arbeit.

 

Ich hatte mich in den vergangenen Jahren in Hamburg und in Ungarn (an der Pannonischen Universität zu Veszprém) hauptsächlich mit Forschung beschäftigt. Alles, was ich in den letzten 10 Jahren gelernt habe, versuche ich jetzt meinen Studierenden zu vermitteln.

 

Welche weiteren Themen sollten Ihrer Meinung nach in der Gebärdensprache erforscht werden?

Es laufen weltweit so viele spannende Projekte! Heute ist der Wissensstand über die Struktur und Nutzung von Gebärdensprachen erfreulich höher als in früheren Jahrzehnten. Eine Tendenz, die mich jedoch besonders fasziniert, hat damit zu tun, dass wir lernen, durch die Gebärdensprachforschung die menschliche Sprache selbst neu zu betrachten.

 

Meine Lieblingsgeschichte dazu ist: Stellen wir uns vor, wenn die Erforschung von Sprachen nicht mit Lautsprachen, sondern mit Gebärdensprachen begonnen hätte. Wie würden wir heute die menschliche Sprache analysieren? Vielleicht ganz anders?

 

Unsere Vorstellung und Konstrukte über die Sprache sind bis heute sehr stark von der Laut- und Schriftsprache geprägt. Gleichzeitig erfahren wir durch Gebärdensprachen und Mehrsprachigkeit viel Neues über sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten, was wir früher in unserer Wissenschaftsgeschichte ausgeblendet haben. Ich ermutige meine Studierenden dazu, grundlegende Modelle und Aussagen unserer Wissenschaft zu hinterfragen und die Sprache aus neuen, ganzheitlichen Perspektiven zu betrachten.

 

Ihre Vertretungszeit endet Anfang 2022. Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Wahrscheinlich gehe ich in Frührente!? (er lacht). Damit meine ich, dass ich mich langsam aus dem akademischen Leben zurückziehen werde, es sei denn, jemand überzeugt mich, noch weiter zu arbeiten.

 

Ansonsten gehe ich und werde ich eine Idee verwirklichen, die ich als Deaf Success Project („Erfolgreich taub sein“) bezeichne. Ich möchte mit anderen gehörlosen und hörenden Verbündeten ein Programm ins Leben rufen, das tauben Menschen Selbstverwirklichung und Erfolgsdenken vermitteln soll.

Ich selbst habe in den vergangenen Jahren durch mein Selbstvertrauen und durch meine positive Einstellung zum Leben viele meiner Träume verwirklichen können. Das steht im Prinzip jedem zu, wird aber nicht in der Schule gelehrt. Viele tun sich schwer ihr Denken so zu schulen, dass es ihnen hilft, ihre Träume wirklich umzusetzen.

 

Ich habe festgestellt, dass das Bildungsangebot zum Thema positive Lebensführung und Erfolgsdenken für Taube noch nicht richtig etabliert ist.

 

Die Idee zum Deaf Success Project wird in der nahen Zukunft auf die Beine gestellt. Ich hoffe, dass ich durch diese Initiative dazu beitragen kann, dass die Lebensqualität gehörloser Menschen verbessert wird. Wenn taube Menschen die Möglichkeit bekommen sich zu entfalten, werden sie richtig zeigen können, welche Bereicherung sie für unsere Gesellschaft darstellen.

 

Zurzeit beginnen die Vorbereitungen für das Deaf Success Project. Personen oder Institutionen, die ernsthaft Interesse haben, als Partner mitzuwirken, können sich für weitere Details gerne an mich wenden (Kontakt: szilard.racz-engelhardt@uni-hamburg.de, 0177 3775309)

 

Haben Sie eine (deutsche) Lieblingsgebärde, wenn ja welche?

Vielleicht die Gebärde für den Monat APRIL.

 

Vielen Dank für das Interview und eine schöne Zeit noch in Hamburg!

 

Text: Judit Nothdurft

Foto: Dr. Szilárd Rácz-Engelhardt

 

 
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