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Experten-Interview Juni 2026



Die Rechte der gehörlosen Community sollen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern im Alltag tatsächlich gelebt werden!\'\'/

In Wien im „Haus der Gehörlosen“ ist der Österreichische Gehörlosenbund (ÖGLB) beheimatet. Ein vielfältiges Angebot erwartet den Besucher. Hier sind unter anderem Österreichs Online Nachrichtenportal “Gebärdenwelt.tv“, ein Telefondolmetschdienst und auch ein Filmstudio für Übersetzungen in ÖGS untergebracht. Vor Ort habe ich die Präsidentin der ÖGLB Mag.a Helene Jarmer interviewt.

 

Frau Jarmer, welche Vision verfolgen Sie mit dem ÖGLB für die Zukunft der Gebärdensprach-Community in Österreich?

Mag.a Helene Jarmer:Meine Vision ist, dass gehörlose Menschen in Österreich in allen Lebensbereichen gleichberechtigt teilhaben können – in Bildung, Arbeit, Politik, Medien, Kultur und im Alltag. Die Österreichische Gebärdensprache ist rechtlich anerkannt, aber sie muss auch praktisch überall zugänglich und selbstverständlich werden.

 

Wichtig ist dabei, gehörlose Menschen in ihrer doppelten Identität zu sehen: Einerseits sind sie Menschen mit Behinderungen, die ein Recht auf Barrierefreiheit haben. Andererseits sind sie Teil einer sprachlichen und kulturellen Minderheit mit eigener Sprache, eigener Kultur und eigener Community. Der ÖGLB setzt sich dafür ein, dass diese doppelte Perspektive anerkannt wird und gehörlose Menschen als sprachliche Minderheit sichtbar, respektiert und ernst genommen werden.

 

Es geht daher nicht nur um Barrierefreiheit, sondern auch um Selbstbestimmung, Teilhabe, kulturelle Identität und gleiche Chancen.

 

Der ÖGLB bietet Übersetzungen in Österreichische Gebärdensprache im Filmstudio an. Wie wichtig ist professionelle Medienarbeit für die Sichtbarkeit gehörloser Menschen?

Professionelle Medienarbeit ist sehr wichtig, weil viele Informationen gehörlose Menschen noch immer nicht barrierefrei erreichen. Für die Gebärdensprach-Community bedeutet echte Barrierefreiheit, dass Inhalte auch in Österreichischer Gebärdensprache verfügbar sind  und das vor allem im Videoformat.

 

Wir produzieren im Filmstudio ÖGS-Videos für unterschiedliche Kund:innen und Einsatzbereiche: etwa für Websites, Folder, Informationsvideos, Kampagnen oder digitale Plattformen. Dazu gehören nicht nur die Übersetzung in ÖGS und die Videoaufnahme, sondern auch Untertitel, technische Umsetzung, Einbindungsmöglichkeiten der Gebärdenspracheinblendungen und eine sorgfältige Videokontrolle.

 

Das ist besonders wichtig, weil die nationale Gebärdensprache für viele Menschen unserer Zielgruppe die Erstsprache beziehungsweise Muttersprache ist. Wenn Inhalte professionell in ÖGS produziert werden, entsteht echter Zugang zu Information. Gleichzeitig wird sichtbar: Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache, und gehörlose Menschen haben ein Recht darauf, Informationen in ihrer Sprache zu erhalten.

 

Professionelle Medienarbeit stärkt daher nicht nur Barrierefreiheit, sondern auch die gesellschaftliche Sichtbarkeit gehörloser Menschen.

 

Hier im Haus produziert das Nachrichtenportal Gebärdenwelt.tv Nachrichten in ÖGS. Welche Herausforderungen gibt es dabei, aktuelle Inhalte barrierefrei und gleichzeitig journalistisch hochwertig aufzubereiten?

Die größte Herausforderung ist die Verbindung von Aktualität, Qualität und Verständlichkeit. Nachrichten müssen schnell verfügbar sein, aber gleichzeitig korrekt recherchiert, gut zusammengefasst und in hochwertiger ÖGS vermittelt werden.

 

Dafür braucht es ein Team mit unterschiedlichen Kompetenzen: sprachliche Kompetenz in ÖGS, journalistisches Know-how, technisches Wissen und ein gutes Verständnis für die Bedürfnisse der Community. Von der Themenfindung über Recherche, Übersetzung, Aufnahme, Kontrolle, Schnitt und Veröffentlichung gibt es viele Arbeitsschritte, die oft sehr rasch aufeinanderfolgen müssen.

 

Trotzdem gilt für uns: Qualität und Korrektheit stehen vor Schnelligkeit. Deshalb werden Beiträge vor der Veröffentlichung sorgfältig geprüft. Barrierefreiheit bedeutet nicht, Inhalte einfach nur zu übertragen, sondern sie verständlich, seriös und zugänglich aufzubereiten.

 

Nach welchen Kriterien werden die Nachrichten für die Übersetzung in Gebärdensprache ausgewählt? Wie lange dauert es von der Planung bis zur Ausstrahlung?

In unserer Redaktion arbeiten gehörlose Menschen gemeinsam mit sensibilisierten hörenden Menschen. Unser Team erhält im Haus ÖGS-Unterricht und wird im täglichen Austausch mit gehörlosen Kolleg:innen laufend sensibilisiert. Dadurch entsteht ein besseres Verständnis dafür, welche Themen für die Community relevant sind und wie Inhalte gut in ÖGS vermittelt werden können.

 

Die Themen werden danach ausgewählt, ob sie gesellschaftlich relevant sind, viele Menschen betreffen oder für die gehörlose Community besonders wichtig sind. Dazu gehören etwa Politik, Bildung, Soziales, Gesundheit, Kultur, internationale Entwicklungen und natürlich Themen aus der Gehörlosen-Community selbst. Entscheidend ist dabei auch der Relevanzwert für die Community: Welche Informationen braucht die Zielgruppe? Welche Themen werden sonst zu wenig sichtbar? Wo braucht es eine Perspektive aus der Community selbst?

 

Einerseits bereiten wir allgemeine Nachrichten in ÖGS auf, weil viele aktuelle Informationen noch immer nicht barrierefrei in Gebärdensprache zugänglich sind. Andererseits recherchieren und produzieren wir auch eigene Beiträge aus der Community. Wir besuchen politische und kulturelle Veranstaltungen, führen Interviews und geben gehörlosen Menschen eine mediale Bühne.

 

Wie lange ein Beitrag dauert, hängt stark vom Thema ab. Bei aktuellen Nachrichten muss es schnell gehen. Bei größeren Beiträgen braucht es mehr Zeit für Recherche, Abstimmung, Übersetzung, Aufnahme, Kontrolle, Schnitt und Veröffentlichung.

 

Wie nimmt die gehörlose Community dieses innovative Angebot der Informationsversorgung an?

Das Angebot wird sehr positiv angenommen, weil es Information direkt in Österreichischer Gebärdensprache bietet. Für viele gehörlose Menschen ist ÖGS die Erstsprache oder Muttersprache und zugleich ein wichtiger Teil ihrer kulturellen Identität. Deshalb ist es entscheidend, dass Nachrichten nicht nur schriftlich, sondern auch in Gebärdensprache verfügbar sind.

 

Informationen kommen in der eigenen Sprache und mit einem Verständnis für die eigene Kultur anders an. Gebärdenwelt.tv ist daher nicht nur ein Nachrichtenangebot für die Community, sondern auch ein Angebot aus der Community heraus. Das stärkt Vertrauen, Teilhabe und Sichtbarkeit.

 

Obwohl die österreichische Gebärdensprach-Community medial gesehen eine vergleichsweise kleine Zielgruppe ist, ist Gebärdenwelt.tv in den letzten Jahren stark gewachsen. Die Aufrufzahlen steigen kontinuierlich, und auch auf Social Media erreichen wir jeden Monat neue Menschen. Besonders erfreulich ist, dass nicht nur gehörlose, sondern auch hörende Menschen zunehmend Interesse an unseren Inhalten zeigen.

 

Damit erfüllt Gebärdenwelt.tv auch einen wichtigen Auftrag in der Bewusstseinsbildung der Gesellschaft: Es zeigt, dass ÖGS eine eigenständige Sprache ist und dass gehörlose Menschen aktiv an Medien, Politik, Kultur und gesellschaftlichen Debatten teilhaben.

 

Wie verändert die Digitalisierung die Arbeit, insbesondere bei Angeboten wie Online-Nachrichten oder Telefondolmetschdiensten?

Die Digitalisierung hat die Möglichkeiten für die Gebärdensprach-Community stark erweitert. Für die nationale Gebärdensprachen sind Videos essenziell. Früher waren audiovisuelle Inhalte vor allem über das Fernsehen zugänglich. Heute können Menschen mit Smartphone und Internet fast überall Videos ansehen, teilen und selbst produzieren.

 

Online-Nachrichten können dadurch schneller verbreitet und ortsunabhängig genutzt werden. Auch Telefondolmetschdienste wie Relay-Service erleichtern die Kommunikation im Alltag, etwa bei Behörden, Arztbesuchen, im Beruf oder bei dringenden Anliegen. Der Informationsaustausch ist dadurch offener, barrierefreier und niederschwelliger geworden.

 

Mit dem Relay-Service bieten wir digitale Lösungen an, die Kommunikation zwischen gehörlosen und hörenden Menschen erleichtern. Dazu gehören auch digitale Abläufe wie ein Warteraum, damit Gespräche besser organisiert und zugänglich gemacht werden können. Auch im Filmstudio arbeiten wir mit digitalen Lösungen, etwa mit Systemen wie Hypersign, um ÖGS-Videos professionell und effizient produzieren und bereitstellen zu können für die größere Zielgruppe wie z.B: blinde, schwerhörige Menschen.

 

Wichtig ist bei der Digitalisierung vor allem, dass gehörlose Menschen nicht nur Zielgruppe sind, sondern als Expert:innen in eigener Sache mitgestalten. Digitale Lösungen müssen gemeinsam mit der Community entwickelt werden und für die Community tatsächlich nutzbar sein. Entscheidend ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe – auch mit hörenden IT-Expert:innen, Techniker:innen und Medienfachleuten.

 

Digitalisierung allein löst nicht alle Probleme, aber sie kann viele Barrieren deutlich verringern, wenn sie barrierefrei, communitynah und nachhaltig umgesetzt wird.

 

Mit Ihrer Akademie leisten Sie Bildungsarbeit in ÖGS. Welche Zielgruppen sprechen Sie besonders an, und wie entwickelt sich die Nachfrage?

Mit unserer Bildungsarbeit sprechen wir unterschiedliche Zielgruppen an: gehörlose und schwerhörige Menschen, Angehörige, Fachkräfte, Pädagog:innen, Institutionen, Unternehmen, Behörden sowie Menschen, die ÖGS lernen oder barrierefreier kommunizieren möchten.

 

Für Kund:innen entwickeln wir maßgeschneiderte Angebote, die sich an den jeweiligen Zielgruppen und Arbeitsfeldern orientieren. Dazu gehören etwa ÖGS-Kurse, Workshops und Sensibilisierungsseminare für Firmen, Institutionen und Behörden. Gehörlose Menschen sind Mitarbeiter:innen, Konsument:innen, Kund:innen und Bürger:innen. Deshalb ist es wichtig, dass Organisationen im Umgang mit gehörlosen Menschen mehr Sicherheit, Wissen und interkulturelle Kompetenz entwickeln.

 

Unsere Seminare sind sehr praxisnah aufgebaut. Gehörlose Trainer:innen und Coaches vermitteln Inhalte gut verständlich, mit vielen Beispielen und Übungen aus dem Berufsalltag. Dabei geht es nicht nur um Sprache, sondern auch um Kommunikation, Haltung, Barrierefreiheit und Bewusstseinsbildung.

 

Die Nachfrage wächst, weil das Bewusstsein für Barrierefreiheit, Inklusion und Gebärdensprache steigt. Gleichzeitig sehen wir, dass noch viel Aufklärungsarbeit notwendig ist. Es braucht mehr Wissen darüber, was Österreichische Gebärdensprache ist, welche Bedeutung sie für gehörlose Menschen hat und warum Zugang zu Bildung und Information in der eigenen Sprache so wichtig ist.

 

Welche politischen oder gesellschaftlichen Hürden bestehen derzeit noch für die Gleichstellung gehörloser Menschen in Österreich?

Eine große Hürde ist, dass Barrierefreiheit noch immer nicht selbstverständlich mitgedacht wird. Oft wird sie erst am Ende eines Prozesses berücksichtigt – wenn überhaupt. Es fehlen ausreichende Dolmetschangebote, barrierefreie Bildungswege, Informationen in ÖGS und eine konsequente Umsetzung bestehender Rechte.

 

Wichtig ist auch, gehörlose Menschen nicht ausschließlich aus einer Defizitperspektive zu betrachten. Sie sind nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Teil einer Sprachgemeinschaft mit eigener Sprache und Kultur. Gleichstellung bedeutet daher auch: Entscheidungen müssen gemeinsam mit der Community getroffen werden, nicht über sie hinweg.

 

Wie arbeiten Sie mit Institutionen, Medien oder Unternehmen zusammen, um Barrierefreiheit stärker zu verankern?

Wir beraten, sensibilisieren und entwickeln gemeinsam konkrete Lösungen. Das kann eine Übersetzung in ÖGS sein, ein barrierefreies Video, eine Schulung, eine Kooperation oder ein größeres Projekt.

 

Aktuell arbeiten wir verstärkt mit Unternehmen und Institutionen an umfassenderen Projekten zusammen. Dabei geht es nicht nur um einzelne Maßnahmen, sondern um Gesamtpakete: von Beratung und Sensibilisierung über ÖGS-Videos, Medienarbeit und barrierefreie Kommunikation über Relay Service bis hin zu langfristigen Strategien für mehr Zugänglichkeit.

 

Wichtig ist uns, dass Barrierefreiheit nicht erst nachträglich ergänzt wird, sondern von Anfang an Teil der Planung ist. Nur so entstehen nachhaltige und qualitativ gute Lösungen. Barrierefreiheit ist kein Zusatz, sondern eine Voraussetzung dafür, dass alle Menschen gleichberechtigt teilhaben können.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der ÖGS und der gehörlosen Community in den nächsten 10 Jahren?

Ich wünsche mir, dass Österreichische Gebärdensprache bilingual in allen Lebensbereichen selbstverständlich wird: in Kindergärten, Schulen, Universitäten, Medien, Behörden, Gesundheitseinrichtungen, am Arbeitsplatz und im öffentlichen Leben.

 

Es braucht eine stärkere Anerkennung gehörloser Menschen als sprachliche Minderheit. ÖGS darf nicht nur auf dem Papier anerkannt sein, sondern muss im echten Leben barrierefrei spürbar und erlebbar werden. Dafür braucht es mehr Ressourcen, mehr Bewusstsein und mehr direkte Förderung für die Community und ihre Projekte.

 

Besonders wichtig ist mir, dass Projekte nicht nur von hörenden Menschen für gehörlose Menschen gemacht werden. Gehörlose Menschen müssen als Expert:innen in eigener Sache eingebunden sein, mitentscheiden und auch auf oberster Leitungsebene selbst gestalten können.

 

Gehörlose und CODA- Kinder sollen früh Zugang zu den Gebärdensprachen bekommen. Erwachsene Menschen sollen ohne ständige Barrieren am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Informationen, Bildung, Kultur und politische Beteiligung müssen bilingual in ÖGS und Schriftsprache zugänglich sein.

 

Mein Wunsch ist, dass die Rechte der Community nicht nur auf dem Papier stehen, sondern im Alltag tatsächlich gelebt werden! Dafür braucht es Bewusstsein, Ressourcen und den politischen Willen, Barrierefreiheit und sprachliche Gleichstellung konsequent umzusetzen.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Text: Judit Nothdurft

Fotorechte: Robert Harson

 

 

 
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